LAN-Party 1998 vs. LAN-Party 2006


Published by Marc Büchel on 26.05.06

Man betrachte sich einen LAN-Kalender auf einer der unzähligen Gaming-Seiten, die mittlerweile in den Untiefen des World Wide Web zu finden sind. Erst stolpert man über solch tolle Namen wie CyperPlay, LanBrother, C-MaxX Enlarged ... und wie sie nicht alle heissen. An der einen nehmen 200 Spieler teil, an der anderen 550 Zocker und noch an einer anderen mehr als 1'000 Gamer. Insgesamt wurden bis dato in der Schweiz 48 und in Deutschland über 150 LAN-Parties alleine für dieses Jahr angekündigt. An all diesen Parties findet man einen straff strukturierten Terminplan, der selbst das Publikum, welches ein Durchschnittsalter von knappen 20 Jahren aufweist, auf Trab halten soll.

Fakten

Man betrachte sich einen LAN-Kalender auf einer der unzähligen Gaming-Seiten, die mittlerweile in den Untiefen des World Wide Web zu finden sind. Erst stolpert man über solch tolle Namen wie CyperPlay, LanBrother, C-MaxX Enlarged ... und wie sie nicht alle heissen. An der einen nehmen 200 Spieler teil, an der anderen 550 Zocker und noch an einer anderen mehr als 1'000 Gamer. Insgesamt wurden bis dato in der Schweiz 48 und in Deutschland über 150 LAN-Parties alleine für dieses Jahr angekündigt. An all diesen Parties findet man einen straff strukturierten Terminplan, der selbst das Publikum, welches ein Durchschnittsalter von knappen 20 Jahren aufweist, auf Trab halten soll.


Gedankensprung

Wir befinden uns nicht mehr im Jahre 2006, sondern acht Lenze zuvor im Jahre 1998. Valve, damals Hersteller und Publisher von Half-Life, landet mit eben diesem Titel einen Verkaufsschlager. Nicht lange sollte es dauern, bis erste Modifikationen für Half-Life verfügbar waren. Mit dabei war damals auch Counter-Strike, das heute in aller Munde ist. Sogar in den Medien spricht man schon vom "Mord im Kinderzimmer". Von den einen wird es als gewaltverherrlichend beschrieben und von den anderen als Team-Spiel. Des Weiteren befinden wir uns am Ende des BNC-Netzwerk-Zeitalters und 10MBit Ethernet Netzwerke rücken langsam aber sicher in eine Preisregion vor, die nicht mehr als exorbitant, sondern eher für jedermann erschwinglich zu bezeichnen ist.

Man glaubt es kaum, aber schon vor acht Jahren, - ach, eine Ewigkeit ist es doch her - gab es Jugendliche, die an Wochenenden lieber zu Hause vor ihrem Computer sassen und je nach Möglichkeit per Modemdirektverbindung oder Internet miteinander Tagelang daddelten anstatt zusammen auf Beizentour zu gehen und sich den Buckel voll zu gurgeln. Irgendwann aber hatten auch diese Jugendlichen das Bedürfnis , ihre sozialen Kontake aktiv zu pflegen und hegen und so entstand früher oder später die Idee, die eigenen Computer zu einem Freund nach Hause zu schleppen und dort ein kleines Netzwerk zusammen zu basteln. Ein paar besonders Interessierte lasen damals in einer C't, dass in Deutschland acht ihrer Alterskollegen regelmässig sogenannte LAN-Parties abhielten, die das ganze Wochenende über andauerten. Damals, in dieser vorsintflutlichen Zeit, als es noch keine ESL, ESWC, 5 on 5 Tourniere, MMORPG's, ... gab, hatten eben diese Jugendlichen schlicht keine Ahnung, was denn überhaupt ein Netzwerk ist. Mit Mühe und Not konnten sie Ethernet und BNC buchstabieren, wobei sie aber versuchten, sich irgendwie mit diesen Worten auseinander zu setzen. Mit Erfolg, wie sie am ersten Wochenende, an dem sie zu viert, zu sechst oder zu acht zusammen eine Nacht lang in einem Wohnzimmer hin- und her stürmend bemerken durften, dass sie soeben "per Zufall" ihr erstes 10MBit Netzwerk auf die Beine gestellt hatten. Was wurden Ethernet-Adapter eingebaut, ausgebaut, wieder eingebaut und nochmals ausgebaut, Treiber installiert und deinstalliert. Wieviele Male gab man den Befehl ping 192.168.0.1 in der Eingabeaufforderung ein, um zu sehen, ob man sein Windows 98 nun endlich richtig konfiguriert hat? Schlachten waren es, bevor die eigentlichen Schlachten beginnen konnten! Todmüde, nach einer durchzechten Nacht, aber vom Erfolg, das erste gemeinsame Netzwerk auf die Beine gestellt zu haben, entfesselt, begaben sie sich vor ihre Computer, wenn sie nicht schon davor sassen, und starteten Spiele wie Half-Life, Counter-Strike, Unreal-Tournament und so weiter. Nun aber standen sie vor ihrem nächsten Problem: Wie konfiguriert man nun einen Host? Wieder dauerte es Stunden bis erst der Host stand und anschliessend alle sich mit diesem verbunden hatten. Problemstellungen über Problemstellungen und alle wurden sie irgendwie im Kollektiv gelöst.


Benzin und Geld anstelle von Idee und Zeit

Wir befinden uns wieder im Jahre 2006 an einem Freitag Nachmittag. Der sechzehn jährige Sohne wird von seinem Vater durch die halbe Schweiz an eine LAN-Party gefahren. Der Sohnemann, der seine Pre-Modded-Gaming-Höllenmaschine, seinen einzigen Schatz in Wolldecken verpackt, im Kofferaum verstaut hat, kann kaum mehr warten, bis er sich zu seinen Clan-Freunden an Platz K15 in einer Mehrzweckhalle gesellen darf. Erst aber ist es noch ein weiter Weg per Auto zur besagten Mehrzweckhalle, aber vier, mit Gummi bestückte Alu-Felgen und ein Vater, der vorgibt, seine wertvolle Zeit für seinen Sohn zu opfern, überwinden auch dieses Hindernis. 2008, in zwei Jahren, wenn Sohnemann achtzehn Jahre alt ist, muss sich der Vater nicht einmal mehr die Zeit und Mühe machen, seinen Zögling ach so weite Strecken zu Mehrzweckhallen, Aulen oder sonstigen überdimensional grossen Sälen zu fahren. Endlich bei der besagten Mehrzweckhalle angekommen, liefert der Vater seinen Sohnemann ab, gibt ihm ein Taschengeld mit und lässt ihn das Wochenende in der Kinderkrippe für Jugendliche verweilen. Nachdem Sohnemann seinen Badge gegen einen schlappen Fuffi bekommen hat, schleppt er ein in Wolldecken und Schlafsack eingepacktes Bündel vorsichtig zu Platz K15, mitten zwischen seinen In-Game-Freunde, von denen er einige das erste Mal zu Gesicht bekommt. Sachte wird die Pre-Modded-Gaming-Höllenmaschine mit SLI-Grafik auf den Tisch neben dem TFT platziert. Schon machen seine In-Game-Freunde grosse Augen.

Auf dem Tisch vor Sohnemanns TFT klebt ein A4-Blatt auf dem folgende Angaben stehen: Start --> Einstellungen --> Netzwerkverbinungen --> LAN-Verbindung --> Rechtsklick --> Eigenschaften --> Internetprotokoll (TCP/IP) --> Doppelklick --> IP-Adresse automatisch beziehen, DNS-Serveradresse automatisch beziehen --> OK --> OK. God bless the DHCP-Server! Denn dieser ermöglicht Sohnemann das Wunderwerk an Platz K15, zwischen seinen In-Game-Freunden, an seiner Pre-Modded-Gaming-Höllenmaschine mit SLI-Grafik und Dual-Core CPU, allessamt assembliert von Alienware, sitzend, bereits über Internet zu verfügen. Als erstes wird gleich CSS (Counter Strike Source) gestartet, damit man sich bis 20.00 Uhr auch sicher warmgespielt hat, denn zu diesem Zeitpunkt tritt Sohnemanns Clan gegen irgendeinen einen n00b-Clan an, den es im 5 on 5 zu bashen gilt. So geht es dann das Wochenende über weiter, bis sich Sohnemann am Sonntag mit seinen Clan-Freunden, komplett übermüdet, da er beide Nächte durchgezockt hat, auf dem Podest stehend, Siegeshymnen anhören und im besten Falle Geldpreise oder Hardware entgegennehmen darf. Mit Stolz geschwellter Brust präsentiert er sich dem applaudierenden Saal, der seine Leistung vollkommen anzuerkennen scheint. Hinten rechts aus einer Ecke schallt es zwischendurch "CHEATER", "WALLHACKER", ... aber das nimmt Sohnemann nicht war, denn das hat er überhaupt nicht nötig. Da aber nichts für die Ewigkeit ist, geht auch dieser, für Sohnemann besondere Moment des Ruhmes, zu Ende.

Es ist 17.00 Uhr und Sohnemann steht alleine, auf seinen Vater wartend, vor der Mehrzweckhalle. Abgemacht war, dass sein Vater ihn um 15:30 Uhr hätte abholen sollen. Um 17:30 Uhr fährt ein letztes Auto vor, Vater von Sohnemann steigt aus und erklärt, dass er einen wichtigen Termin gehabt hätte und es ihm nicht möglich gewesen wäre, Sohnemann zu kontaktieren und er froh sein soll, dass er ihn überhaupt abholen käme.
Zuhause angekommen ist Sohnemann froh, dass er seinen Computer endlich wieder aufstellen darf und von neuem in seine Cyber-Welt flüchten darf, in welcher er anonym ist und nur ein virtuelles Gesicht besitzt.


Verdrehte Welt

Anonyme Anlässe werden als soziale Events verkauft. Teilnehmern grosser LAN-Parties wird suggeriert, dass sie Freundschaften pflegen, was wohl auch stimmen mag, nur bleibt die Frage offen: "Was sind das für Freundschaften?". Wieviel ist eine In-Game-Freundschaft wert? Inwiefern bringen einem eben diese Freundschaften und sozialen Kontakte im realen Leben weiter? Inwiefern erweitern sie den geistigen Horizont und befreien uns von einem sukkzessiv anerzogenen Komsumzwang und stürzen uns nicht in neue Abhängigkeiten?

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